Coffee with Mozart

MOZART EXPLODED


5 Fragen an Frangiz Ali-Sade


1. Was ist für Sie das Reizvolle an einer Streichquartettkomposition, verglichen mit anderen Gattungen? Und was ist das Schwierige daran?

Das Quartet Genre war und ist für mich immer wichtig, weil dieses Genre vielfältige Möglichkeiten zum Experimentieren fürs „Labor“ eines Komponisten bietet. Alle Quartette von Mozart sind genial, jedoch am meisten liebe ich sein Quintett mit Klarinette.

Bei der Musik des 20. Jahrhunderts sind mir auch alle Quartette von Béla Bartók und  Witold Lutosławski sehr wichtig. 

2. Unser Projekt heißt ja "Mozart Exploded"  – gibt es ein Werk von Mozart, das Sie besonders geprägt oder beschäftigt hat?

Mozart ist mein Lieblingskomponist. In seiner Musik gibt es eine ungewöhnliche Leichtigkeit, Naturgemäßheit, zugleich sehr feine Ebene und Tiefe. Das ist eine göttliche Verbindung.

Die Schönheiten, Grazie und Weisheit seiner Werke lässt bei mir den Eindruck eines unergründlichen Wunders entstehen. Als Pianistin hatte ich das Vergnügen mehrere Werke, Ensembles und Konzerte Mozarts aufführen zu können. Beim Salzburger Klavier-Wettbewerb im Namen Mozarts war ich einmal Mitglied der Jury. Damals hatten wir jeden Tag dutzende Werke von Mozart gehört, und dabei dachte ich, dass Mozart vielleicht der einzige Komponist ist, dessen Werke ich vielmals wiederholt hören und immer mit wahrer Ergötzung genießen kann.

3. Stichwort „Alla turca“ - hatte Mozart ein besonderes Faible für orientalische Musik?

Ich glaube Mozart hatte kein herausragendes Interesse und Wissen über orientalische Musik. „Alla Turca“ trägt eher witzig satirische Charakterzüge.

4. Harnoncourt hat einmal gesagt: "Mozart hat immer nur Opern geschrieben." Auch Ihr Werk hat einen ganz deutlichen dramatischen Zug - Die Musiker nehmen ungewohnte Rollen an (die 2. Violine mutiert beispielsweise zum Drummer)und es gibt szenische Anweisungen in der Partitur  - wie wichtig ist Ihnen dieses Element in Ihrer Musik? Würden Sie da eine Parallele zu Mozart ziehen?

Mugam Sayaghy habe ich 1993 im Auftrag des Kronos Quartet komponiert. Damals bestand das Quartett aus vier Musikanten. Drei Männer und eine sehr schöne Cellistin… Als ich mein Quartett komponiert habe, war es für mich sehr spannend innerhalb der Struktur des Quartetts mit Kontrasten zu spielen: z.B. sanftes Flehen auf dem Cello und dämonische pizzicato von den drei anderen Teilnehmern zu verkörpern.

Es gibt dabei eine Intrige, von der aus alle Geschehnisse im Quartett ihren Anfang nehmen. Die Stimmen innerhalb der Geschehnisse können in Harmonie verschmelzen aber auch dann miteinander streiten. So geht das Geschehen in ein instrumentales Theater über, in dem jeder Teilnehmer zum Protagonisten des Dramas wird.

 

5. Frau Ali-Sade, Sie sind einzige KomponistIN in unserem Zyklus und „UNESCO- Künstlerin für den Frieden“ - Wo sind für Sie die Schnittpunkte zwischen westeuropäischer und östlicher Kultur?  Was kann Musik für ein besseres Verständnis tun?

Es ist mir sehr angenehm als einzige Komponistin an Ihrem Projekt teilzunehmen. Was Schnittpunkte zwischen westeuropäischer und orientalischer Musik betrifft, ist das eine sehr komplexe Frage. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass im Orient der Komponist früher immer zugleich auch der Aufführende war. Modale Musik vor dem 20 Jhr. war hauptsächlich traditionell mündlich überlieferte Musik. 1908 wurde im Orient zum ersten Mal eine Opera komponiert -Lejli und Medschnun, dessen Autor der erste professionelle Komponist Aserbaidschans Uzeyir Hajibeyov war.

Heutzutage gibt es im Orient viele Konservatorien, Sinfonieorchester, Theatern, Opern und Balletthäusern - sozusagen eine Infrastruktur westeuropäischer Musiklandschaft.  Viele junge Komponisten bekommen ihre Bildung in Europa und den USA. Diffusion vieler Musikkulturen und Traditionen bringt vielfältige neue Genren und Synthesen hervor,wie z.B.  "Symphonisches Mugham“, Jazz-Mugham, Mugham Oper usw.  Und ich hoffe dass das alles sich positiv (produktiv) auf die kreative Entwicklung der Künstler auswirkt.

 

Die Geschichte der Westeuropäischen und der Orientalischen Musik weist sehr große Unterschiede auf. Es genügt nur zu erwähnen, dass das kompositorische Schaffen (wie wir es aus Westeuropa kennen) im Orient erst Anfang des 20 Jhrs. seinen Anfang genommen hat. Aber heutzutage ist das Musikalische Kontinuum mittlerweile allumfassend; D.h. viele Komponisten aus dem Orient erwerben ihre Bildung im Westeuropa und den USA.  Zugleich  sieht man das Interesse des Westens gegenüber Orientalischer Musik an der (West-Orient) Synthese bei den Werken wie "Turangalila" von O.Messian und "Mandala" von Stockhausen.

Die gegenseitigen Einflüsse und Interaktionen unter den Künstlern der Welt dienen als Beispiel einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Menschen verschiedener Nationalitäten, Kulturen und Religionen. Es wäre großartig wenn diese gegenseitige Verständigung  ebenfalls auf politischer und alltäglicher Ebene übertragbar wäre. 


5 Fragen an REINHARD GOEBEL

 

1. In drei Worten - wie würden Sie das Armida Quartett beschreiben? ein perfektes Blatt: Bube, Dame, König, As..

2. Mozarts Werke sind schon längst gängiges Streichquartettrepertoire  
(nun ja: die zehn „berühmten“ vielleicht, aber die frühen sind ja doch „terra incongnita“ !)
- was kann man als junger Künstler von Mozart lernen?
Als aktiver  Instrumentalist ? als angehender Komponist, als Analyst ? Für mich als recherchierenden Aufführungs-Praktiker ist die Lektüre einer fast „fehlerfreien“ bogentechnisch- artikulatorische Bezeichnung der vier Stimmen im Autograph augenblicklich der wichtigste Ertrag  - 
Und was sind die Schwierigkeiten?   Dass durch die zu frühe Beschäftigung mit vor allem und ausschließlich den Spätwerken wie auch dem zu eifrigen Konsum von "Referenz-Aufnahmen » aus dem Nierentischchen-Age  der approbierte Konversations-Ton, vor allem die freudlos-bräsigen Tempi, fraglos übernommen wird - so daß man seit Generationen ebenso munter wie besinnungslos mit dem falschen Schlüssel im falschen Türschloß herumrödelt -    kein Andante im AllaBreve, was nicht traditionell im auf Achtel gezählten Adagissimo daher geschlunzt kommt !  Und kaum ein  Thema, kaum ein Motiv auch, was nicht infolge "traditioneller"  Mißdeutungen upside-down, auf dem Kopf daher kommt: ästhetischer Sondermüll allerorten!  

3. Warum Mozart mit und von den Armidas ??  Weil sie die Musik vom Kopf her auf die Beine stellen, weil sie historische Aufführungs-Theorie zu modernem Klang machen !

4. Wenn Sie Mozart auf einen Schwarztee mit Madeleines treffen könnten, was würden Sie ihn fragen? Warum er das gesamte kompositorische Erbe seines  Vaters 1787 in die Papiermühle hat bringen lassen !

5. Wie verändert sich eine Interpretation, wenn man den historischen Blickwinkel ändert; man also nicht von Beethoven „rückwärts“ sondern von Scarlatti „vorwärts“ auf Mozart blickt? Wenn ich mit profunder Kenntnis von Vivaldis Opus 3 - 1711 - in Bachs zehn Jahre später - 1721 - final zusammengefasste Brandenburgische Konzerte schaue, höre, dann stockt mit der Atem ! Ich erkenne alles das, was Bach so großartig ausgebreitet hat, bereits in nuce bei Vivaldi angelegt…. und genau so sollten wir, um zu einem tieferen Verständnis Mozarts zu gelangen, unsere vorurteilig-hochnäsige Verachtung des Oeuvres Johann Christian Bachs und aller anderen Vorläufer und Zeitgenossen ganz  schnell beiseite legen. Blüten brauchen Wurzeln - und Wundertüten müssen auch erst einmal gefüllt werden.

Interview: Johanna Staemmler


5 Fragen an JÖRG WIDMANN

Komponist und Klarinettist Jörg Widmann (*1973) zählt zu den ganz wenigen und zugleich ganz großen Dopppelbegabungen in der neueren Musikgeschichte. Als Instrumentalist und Komponist steht er schon lange im Licht der Öffentlichkeit. Den Uraufführungen seiner Werke wie zum Beispiel der Oper "Babylon" oder "Armonica"; und "Labyrinth" für Orchester wird eine gesteigerte Aufmerksamkeit geschenkt. Das Armida Quartett wird im Rahmen der Reihe "Mozart Exploded" sämtliche fünf Streichquartette von Jörg Widmann zur Aufführung bringen.

1. Was ist für Sie das Reizvolle an einer Streichquartettkomposition, verglichen mit anderen Gattungen? Und was ist das Schwierige daran?

Es ist eine heilige Gattung. Das Schwierige daran: die Balance, die absolute Gleichberechtigung der Stimmen. Das Aushalten der Freiheit von Demokratie. Daran sind schon viele Streichquartett-Formationen zerbrochen. Wenn es aber gelingt: das Größte und Schönste überhaupt.

2. Haben Sie ein Lieblingswerk im Streichquartettrepertoire?

Beethovens op. 130 mit großer Fuge: Er erfüllt hier das Wesen der darinvorkommenden Satztypen mit einer staunenswerten Perfektion, gleichsam wie zum letzten Mal – und erfindet sie dabei volkommen neu. Ein bahnbrechendes Rätselstück.

3. Unser Projekt heißt ja "Mozart Exploded"  – gibt es ein Werk von Mozart, das Sie besonders geprägt oder beschäftigt hat?

Das Klarinettenkonzert. Und natürlich das Klarinettenquintett: Das Trio I des Menuetts ist eine der kontrapunktisch komplexesten uns schönsten Kompositionen Mozarts für Streichquartett. Er war der Größte von allen.

4. Mozart hat viele seiner Streichquartette mit Freunden gemeinsam musiziert;
Testen Sie Ihre Werke auch in solch einer Form, bevor Sie damit an die Öffentlichkeit gehen?

Seit meiner Schulzeit hatte ich das große Glück, mit Klassenkameradenund befreundeten Musikern meine Ideen und Stücke ausprobieren zu können. So hört man sofort, wo man ungenau war, wo man etwas falsch gemacht hat. Dadurch lernt man oft mehr als durch dicke Theoriebücher.

5. Wenn Sie mit Mozart zum Kaffeetrinken verabredet wären, was würden Sie ihn fragen?

Ich würde ihn nach Aloysia Weber fragen, der schönen Sopranistin und vielleicht heftigsten Liebe seines Lebens. Wenn er sich vor Schreck verschlucken würde, könnten wir immer noch zu seinem Klarinettisten-Freund Anton Stadler auf eine Partie Billiard gehen. Dort waren auch meist schöne Sängerinnen.

 

             Interview: Johanna Staemmler