Kooperation mit G. Henle Verlag

Im Jahr 2016 starteten die jungen Musiker eine einzigartige Kooperation mit dem G. Henle Verlag, für den sie seitdem als musikalische Berater der Neuedition sämtlicher Mozartquartette tätig sind und ihre erarbeiteten Fingersätze und Striche für die Henle Library App bereitstellen. Damit stellt sich das Quartett nicht nur an die Spitze neuester technischer Entwicklungen, sondern tritt auch für eine zunehmende engere Zusammenarbeit zwischen ausführenden Künstlern und Musikwissen- schaftlern ein.


Mit einer Gesamteinspielung der Streichquartette von W.A. Mozart bis 2021 wird das Armida Quartett die neuen Errungenschaften präsentieren.

 


 

HIER IRRTE DER STECHER
Interview mit Dr. Wolf-Dieter Seiffert (c Michael Struck-Schloen)

Seit dem Jahr 2000 ist der Musikwissenschaftler Wolf-Dieter Seiffert geschäftsführender Verlagsleiter beim G. Henle Verlag in München. Im Mozartprojekt mit dem Armida Quartett ist er einmal mehr zu seiner Leidenschaft Wolfgang Amadeus Mozart zurückgekehrt, der wir schon so viele Schriften und Urtextausgaben verdanken. Ein Gespräch über die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis.

Was führt einen Verlagsmann dazu, sich nicht nur bei den Quellen, sondern auch bei einem Ensemble wie dem Armida Quartett rückzuversichern?

Das ist eine jüngere Entwicklung im G. Henle Verlag. Wir haben die gute Erfahrung gemacht, dass es uns Wissenschaftlern immer hilft, wenn wir unsere Ausgaben vor der Drucklegung Musikern zeigen: Ist die Stelle fürs Blättern geeignet, ist der Notenstich groß genug, soll man parallele Stelle angleichen, wo genau steht die Dynamik, passt der Bogenwechsel?

Da waren Musikwissenschaftler einmal viel hochnäsiger ...

Nicht nur die – auch die Musiker haben ihrerseits die Nase über die Wissenschaftler gerümpft. Dabei muss man die gegenseitigen Vorteile erkennen: Musiker sollten nicht vor den wissenschaftlichen Methoden die Augen schließen und Wissenschaftler nicht vor praktischen Argumenten. Hilfreich ist dabei, dass Streichquartette heute historisch bewusster sind und vieles anders spielen als vor vierzig Jahren.

Als Pionier des klassischen Streichquartetts gilt Joseph Haydn. Sie haben sich aber immer wieder mit Mozart beschäftigt, dem das Komponieren von Quartetten offenbar nicht leicht fiel.

Zumindest behauptet er das werbewirksam in der Widmung seiner reifen Wiener Quartette an den Kollegen Haydn. Aber man muss unterscheiden zwischen den frühen und späten Quartetten. Erstaunlich ist, dass der junge Mozart in seiner Heimatstadt Salzburg mit dem Streichquartett überhaupt nicht in Berührung kam, sondern immer auf Reisen komponiert hat. Nach dem Umzug nach Wien geriet er dann in die reiche Wiener Streichquartettkultur, da wollte er zeigen, dass er das auf höchstem Niveau komponieren konnte. Und die Quartette, die er Haydn gewidmet hat, entstanden diesmal aus Konkurrenz und dem Versuch, Ebenbürtiges zu leisten – natürlich mit ganz eigenem Ton.

Worin unterscheidet sich Ihre Notenausgabe von den bisherigen?

Ich ziehe für unsere Neuausgabe primär Artarias Erstdruck von 1785 und dann Mozarts Partitur- Handschriften in der British Library vergleichend heran. Das Resultat habe ich mit den Texten der teils fehlerhaften Neuen Mozart-Ausgabe und mit Alfred Einsteins Ausgabe von 1945 für Novello Note für Note verglichen. Natürlich stellen die Autografe als erste gültige Formulierung eines Werks das wichtigste Kompositionsstadium dar. Aber die Abweichungen im Erstdruck sind teils so gravierend, dass wir davon ausgehen müssen, dass Mozart selbst sie vorgenommen hat und damit das Autograf weiterentwickelt hat. Ein Beispiel: am Beginn der Durchführung im Kopfsatz des einzeln stehenden Hoffmeister-Quartetts KV 499 schreiben bisher alle Ausgaben forte vor. Die neue Henle-Ausgabe verzichtet auf diese Angabe, die später hinzugefügt wurde. Das Armida Quartett spielt die Passage im pianissimo – und das finde ich unglaublich überzeugend.

Gibt es diese Art Probleme auch bei den frühen Quartetten vor der Wiener Zeit?

Nein, da ist die Überlieferung einfacher, weil sich die originalen Handschriften erhalten haben und die Werke zu Mozarts Lebzeiten nicht gedruckt wurden. Leopold Mozart hat sie einmal in einem Brief als Fingerübungen bezeichnet, die man bewusst nicht in den Druck gab.